Hier treffen wir auf eines der Themen mit der größten Verwechslungsgefahr. In Kundengesprächen vor Ort im Shop oder auch am Telefon ist die Händigkeit und die Frage, ob ein Linkshand- oder Rechtshandbogen benötigt wird, oft ein heißes Thema. Einsteiger ohne Vorwissen gehen häufig davon aus, dass man als Rechtshänder den Bogen in der rechten Hand halten muss.
Das ist grundsätzlich auch verständlich und nachvollziehbar. Als Rechtshänder halte ich schließlich auch den Stift, das Smartphone oder das Feierabendbier in der rechten Hand. Warum es sich bei der Wahl des Bogens aber anders verhält und warum in einigen Situationen auch das Auge das Sagen hat, klären wir in diesem Beitrag.
Die Verwirrung um Händigkeit: Was Links und Rechts wirklich bedeutet
Viele Einsteiger kommen mit der Bestimmung der Händigkeit durcheinander, da die Bestimmung genau entgegengesetzt zu vielen anderen alltäglichen Tätigkeiten ausfällt. So wird ein Rechtshandbogen in der linken Hand gehalten. Ein Linkshandbogen entsprechend in der rechten Hand.
Denn die Bezeichnung der Händigkeit bezieht sich immer auf die Hand, mit der die Sehne gezogen wird. Nicht auf die Hand, die den Bogen hält. Das wirst du aber erst nach dem ersten Schuss wirklich feststellen können, vor allem, wenn du versuchst, einen Linkshandbogen als Rechtshänder zu schießen. Entscheidend ist es jedoch bereits vor dem Kauf.
Kann ich als Linkshänder auch einen Rechtshandbogen schießen?
Das ist leider nicht immer so einfach möglich. Die meisten Griffstücke sind ergonomisch geformt und so angepasst, dass sie jeweils optimal von Rechts- bzw. Linkshändern gehalten werden können.
Außerdem verfügen die meisten Bögen über eine ausgearbeitete Pfeilauflage, das sogenannte Shelf, auf dem der Pfeil liegt. Bei einem Rechtshandbogen befindet sich diese Pfeilauflage beispielsweise auf der linken Seite.
Je nach Griffstück sind zusätzlich diverse Gewinde für Zubehörteile vorhanden. Auch diese sind so platziert, dass sie nur von Rechts- bzw. Linkshändern optimal genutzt werden können.
Ausnahmen sind traditionelle Längbögen oder Reiterbögen ohne Pfeilauflage, die über den Handrücken geschossen werden. Hier ist es egal, mit welcher Händigkeit du diesen Bogen verwendest. Denn es handelt sich lediglich um ein schönes, wohlgeformtes Stück Holz.
Bitte beachte: Bei dreiteiligen Recurvebögen kannst du durch den Austausch des Mittelstücks die Händigkeit wechseln. Die Wurfarme sind dabei nicht ausschlaggebend und universell einsetzbar.
Warum dein Auge wichtiger ist als deine Hand
In den meisten Fällen deckt sich die Händigkeit mit dem dominanten Auge. So hat ein Rechtshänder im Normalfall ein dominantes rechtes Auge. Doch wie so oft gibt es auch hier Ausnahmen. 10 % aller Menschen haben eine sogenannte Kreuzdominanz. Der Rechtshänder in diesem Fall ein dominantes links Auge.
Dieses Wissen ist Gold wert, wenn es um die Wahl des Bogens geht und darum, ob du einen Rechts- oder Linkshandbogen brauchst. Beim traditionellen Schießen ist dein dominantes Auge besonders wichtig. Warum das so ist und wie wir dein dominantes Auge zielsicher bestimmen, klären wir jetzt.
Das dominante Auge entscheidet
Beim Bogenschießen ist das dominante Auge für die Bestimmung der Händigkeit des Bogens entscheidend. Das dominante Auge verarbeitet visuelle Informationen wesentlich schneller als das nicht dominante. Wenn der Bogen nicht zum dominanten Auge passt, führt dies zu Abweichungen und variierenden Trefferbildern. Allgemein wird sich das Bogenschießen „falsch“ anfühlen. Es ist, als würdest du als Rechtshänder mit der linken Hand schreiben.
Das dominante Auge liefert das bevorzugte Bild an das Gehirn und hat somit die Kontrolle über die Ziellinie. Diese verläuft vom Auge über die Sehne und die Pfeilspitze bis zum Ziel. Wenn du einen Bogen verwendest, der nicht zu deinem dominanten Auge passt, entsteht eine seitliche Verschiebung dieser Linie. Das bedeutet, dass du unbewusst am Ziel vorbeizielst, ohne das irgendwie beeinflussen zu können. Das kann schnell deprimierend sein, wenn die Trainingserfolge ausbleiben.
Gerade für Einsteiger ist das besonders wichtig. Anfänger beginnen sowieso bei Null und müssen Bewegungsabläufe und Technik von Grund auf neu lernen. Gebe dem dominanten Auge den Vorrang und lerne auf die andere Hand um. Das dauert typischerweise nur ca. 2-4 Wochen. Dieser Zeitraum ist fast zu vernachlässigen, wenn man bedenkt, dass man so eine lebenslange Präzision aufweisen kann.
Ein Beispiel: Als Linkshänder hast du ein dominantes rechtes Auge. Entscheide dich hier für einen Rechtshandbogen. Diesen hältst du in der linken Hand, die Sehne ziehst du mit rechts. Zuerst wird es sich ungewohnt anfühlen. Du kannst mir aber glauben, nach einer gewissen Zeit des Lernens wirst du mit reproduzierbaren Abläufen und konstanten Pfeilserien belohnt.
Die Entscheidungsmatrix: Welcher Bogen passt zu dir?
| Deine Händigkeit | Dein dominantes Auge | Empfohlener Bogen |
|---|---|---|
| Rechtshänder | Rechtes Auge | Rechtshandbogen |
| Linkshänder | Linkes Auge | Linkshandbogen |
| Rechtshänder | Linkes Auge | Linkshandbogen (Kreuzdominanz) |
| Linkshänder | Rechtes Auge | Rechtshandbogen (Kreuzdominanz) |
Dein dominantes Auge bestimmen: 3 bewährte Testmethoden
Du benötigst weder Zubehör noch sonstige Vorkenntnisse. Die folgenden Tests dauern jeweils nur ein paar Minuten. Führe am besten alle drei durch. Stimmen die Ergebnisse überein, hast du eine klare Entscheidung zur Augendominanz.
Test 1: Der Rauten-Test – Die zuverlässigste Methode
Schritt 1: Raute formen
Streck beide Arme gerade vor dir aus. Führe die Daumen und Zeigefinger beider Hände zusammen, sodass ein Loch entsteht.
Schritt 2: Objekt fixieren
Halte beide Augen offen. Suche dir einen Gegenstand in der Nähe und fokussiere ihn durch das Loch. Man kann sie an Türklinken, Lichtschaltern oder Ecken von Bilderrahmen orientieren.
Schritt 3: Hände zum Gesicht führen
Bewege deine Hände langsam zum Gesicht. Halte dabei den Gegenstand weiterhin durch das Loch im Blick. Deine Hände bewegen sich automatisch zu einem Auge. Du musst nichts steuern.
Schritt 4: Ergebnis ablesen
Mit welchem Auge guckst du durch das Loch, das deine Hände geformt haben? Wenn das Loch vor dem rechten Auge steht, ist dieses dominant. Du brauchst einen Rechtshandbogen. Steht sie vor dem linken Auge, ist dieses dominant und ein Linkshandbogen ist die richtige Wahl.
Test 2: Der Daumen-Test (Porta-Test)
Strecke dazu einen Arm aus und halte deinen Daumen vor einem vertikalen Gegenstand. Zum Beispiel einem Türrahmen oder einer Wandkante in ca. 5 Metern Entfernung. Richte den Daumen mit beiden geöffneten Augen so aus, dass er den Gegenstand verdeckt.
Schließe nun abwechselnd dein linkes und rechtes Auge. Das Auge, bei dem der Gegenstand überlagert wird, ist dein dominantes Auge. Das Auge, das deinen Daumen zum Gegenstand versetzt darstellt, ist dein nicht-dominantes Auge.
Ergebnisse interpretieren
Liefern alle Tests dasselbe Ergebnis, hast du eine klare Augendominanz ausmachen können. Jetzt kannst du mit gewissheit keine klare Entscheidung beim Kauf treffen.
Wenn sich die Testergebnisse unterscheiden, liegt möglicherweise eine schwache Augendominanz vor. Wiederhole die Tests zu verschiedenen Tageszeiten. Liegen auch dann noch inkonsistente Ergebnisse vor, ist eine Entscheidung nach Händigkeit vertretbar, da keine klare Augendominanz vorliegt.
Kreuzdominanz: Wenn Auge und Hand nicht übereinstimmen
Du bist Rechtshänder, aber dein linkes Auge ist dominant? Dann gehörst du zu einer größeren Gruppe als du vielleicht denkst. Kreuzdominanz ist kein seltenes Phänomen, sondern betrifft einen erheblichen Teil der Bevölkerung.
Die Entscheidung: Auge oder Hand?
Für Einsteiger gibt es eine klare Empfehlung: Lass immer dein Auge entscheiden! Bei einer Kreuzdominanz solltest du dem Auge immer Vorrang geben und umlernen. Die Technik und die Abläufe musst du sowieso noch lernen. Wenn du Rechtshänder bist und ein dominantes linkes Auge hast, solltest du dir also einen Linkshandbogen kaufen und die zusätzlichen Trainingsphasen zum Umgewöhnen in Kauf nehmen.
Kommen wir nun zu den fortgeschrittenen Bogenschützen. Wenn du bereits hunderte Pfeile ins Gold geschickt hast, aber dennoch umlernen möchtest, erfordert das viel Disziplin und Willenskraft. Gehe von sechs bis zwölf Monaten konsequentem Training aus. Bei zunehmender Distanz wird sich das Umlernen jedoch auszahlen, da die zuvor genannten Ziellinienabweichungen dann keine Rolle mehr spielen.
Kreuzdominanz ausgleichen
Einige Schützen bevorzugen es, bei ihrer gewohnten Händigkeit zu bleiben und die Kreuzdominanz auszugleichen. Hierfür gibt es verschiedene Ansätze.
Schießbrille mit Blende: Spezielle Schießbrillen blockieren das dominante Auge, während das periphere Sehen erhalten bleibt. Ein Nachteil ist die reduzierte Tiefenwahrnehmung. Schießbrillen mit verstellbarer Blende ermöglichen hingegen eine schrittweise Gewöhnung.
Zukneifen – Die „Temu-Methode“: Es kostet zwar nichts, ist jedoch auf Dauer anstrengend und kann zu Verspannungen führen.
Kompensation durch Training: Einige Schützen investieren viele Monate in das Training, um die Abweichungen und Verschiebungen zu verstehen und zu standardisieren. Diese Methode erreicht jedoch nie die Präzision eines korrekt gewählten Bogens.
Wichtig: Die Augendominanz ist genetisch festgelegt und lässt sich nicht „umtrainieren“. Jeder Kompensationsansatz bedeutet einen dauerhaften Mehraufwand im Vergleich zur einmaligen korrekten Bogenwahl.
Häufige Fehler beim Bogenkauf
Fehler Nr. 1: Kauf ohne Augendominanz-Test
Der mit Abstand teuerste Anfängerfehler ist der Bogenkauf ohne vorherige Bestimmung der Augendominanz. Die finanziellen Folgen variieren je nach Bogentyp. Bei einem einteiligen Bogen (120-300€ im Einsteigerbereich) oder einem Compoundbogen (300-500€ im Einsteigerbereich) bedeutet ein Fehlkauf den Totalverlust. Take-Down-Bögen erfordern ein neues Mittelstück (80-150€ im Einsteigerbereich).
Fehler Nr. 2: Vorzeitiger Kauf
Viele Einsteiger möchten sofort eigenes Equipment besitzen. Sinnvoller ist jedoch ein schrittweises Vorgehen: 3-6 Trainingseinheiten mit Leihbögen verschiedener Händigkeiten verschaffen praktische Sicherheit. Schnupperkurse (15-40€) ermöglichen den direkten Vergleich. Viele Vereine bieten halbjährige Leihausstattungen an. Erst nach dieser Praxisphase solltest du investieren, mit der Gewissheit, die richtige Wahl zu treffen.
Kaufberatung: Der richtige Weg zum ersten Bogen
Ein strukturiertes Vorgehen verhindert Fehlkäufe und sorgt für einen erfolgreichen Einstieg in den Bogensport.
Phase 1: Test zu Hause (15 Minuten)
- Führe den Rauten-Test durch
- Bestätige mit Daumen-Test
- Bei Kindern: Tests an verschiedenen Tagen wiederholen
- Dokumentiere eindeutig: rechts- oder linksdominant
Phase 2: Praxis-Test (2-4 Wochen)
- Buche einen Schnupperkurs oder melde dich im Verein an
- Teste Bögen beider Händigkeiten praktisch
- Vergleiche dein Trefferbild objektiv
- Konsultiere erfahrene Trainer
Phase 3: Der Kauf (Checkliste)
Checkliste vor dem Bogenkauf:
- Augendominanz durch Tests bestätigt
- Praktische Tests mit Leihbögen absolviert
- Fachhändler mit persönlicher Beratung gewählt
- Take-Down-Recurvebogen für Flexibilität bevorzugt
- Niedriges Einstiegs-Zuggewicht: 16-22 lbs (Frauen), 20-26 lbs (Männer)
- Fingerschutz und Armschutz für die korrekte Hand gewählt
Bogentypen und Händigkeit: Was ist änderbar?
Die Möglichkeit zur Änderung der Händigkeit variiert stark nach Bogentyp. Ein einteiliger Recurvebogen ist speziell für eine Händigkeit gebaut. Formgebung des Griffstücks und Pfeilauflage sind klar festgelegt.
Dreiteilige Take-Down Bögen verfügen über insgesamt drei Komponenten. Zwei Wurfarme und ein Griffstück. Dieses Griffstück lässt sich separat aussuchen und an die Händigkeit anpassen.
Compoundbögen sind ebenfalls an eine spezielle Händigkeit ausgerichtet. Griffstück und Cam-System müssten hier ausgetauscht werden. Kosten und Aufwand kommen einem Neukauf gleich.
Bei Langbögen hängt die Händigkeit vom Bogenfenster ab. Historische Langbögen ohne Shelf sind theoretisch beidhändig nutzbar, allerdings erfordert das Schießen über den Handrücken einiges an Übung. Moderne Langbögen mit eingearbeitetem Shelf sind ebenfalls auf eine Händigkeit ausgerichtet.
Sogenannte „beidhändige” Bögen (beispielsweise Twinbow-Systeme) existieren, weisen jedoch Kompromisse in der Ergonomie auf und eignen sich primär für gelegentliches Freizeitschießen.
Linkshand-Bögen: Verfügbarkeit und Preise
Eine häufige Sorge von Linkshändern: Sind Linkshand-Bögen teurer oder schwerer erhältlich?
Die gute Nachricht: Preislich bestehen keine Unterschiede. Hersteller kalkulieren identische Preise für beide Händigkeiten.
Die Verfügbarkeit variiert je nach Vertriebsweg. Online-Händler führen vollständige Sortimente beider Händigkeiten. In lokalen Geschäften ist die Auswahl an Linkshandbögen oft geringer, da die Lagerhaltung im Vergleich zur Nachfrage kostenintensiver ist.
Leistungsmäßig bestehen keinerlei Nachteile. Die Konstruktion ist spiegelbildlich identisch, und erfolgreiche Olympiaschützen sind in beiden Händigkeiten vertreten.
Häufig gestellte Fragen
Ich bin Linkshänder: welchen Bogen brauche ich?
Die Händigkeit allein entscheidet nicht. Teste zunächst deine Augendominanz mit dem Rauten-Test. Sollte eine Kreuzdominanz vorliegen, entscheidet das Auge über die Händigkeit des Bogens.
Mein Kind ist Rechtshänder, der Test ergab aber ein linkes dominantes Auge: was tun?
Kaufe einen Linkshandbogen. Die Umstellung der Motorik erfolgt bei Kindern innerhalb von 2-3 Wochen problemlos. Langfristig schießt dein Kind präziser mit dem zum Auge passenden Bogen.
Kann ich einen Rechtshandbogen für Linkshand umbauen lassen?
Nein, das ist technisch unmöglich. Das Bogenfenster ist asymmetrisch gefräst, die Pfeilauflage fest positioniert und das Griffstück ergonomisch geformt.
Habe ich als Linkshänder Nachteile im Bogensport?
Leistungsmäßig nein. Die einzigen Nachteile liegen in der Verfügbarkeit. Geringere Auswahl vor Ort, längere Lieferzeiten bei Bestellungen und ein kleinerer Gebrauchtmarkt. Die Preise sind identisch, und technisch sind Linkshandbögen gleichwertig.
Kann ich mit einem Auge schießen?
Ja, Einäugigkeit ist kein Hindernis im Bogensport. Die Wahl richtet sich in diesem Fall nach der Händigkeit. Das räumliche Sehen ist anfangs herausfordernder. Mit Training kompensiert das Gehirn diese Einschränkung binnen weniger Monate.
Fazit
Die Wahl zwischen Linkshand- und Rechtshandbogen ist keine Frage der Schreibhand, sondern der Augendominanz. Die anfänglich korrekte Wahl entscheidet über lebenslange Präzision oder dauerhafte Frustration. Der Rauten-Test benötigt wenige Minuten und kann dir einen teuren Fehlkauf ersparen.
Die drei entscheidenden Schritte: Teste deine Augendominanz zu Hause mit den beschriebenen Methoden. Wähle deinen Bogen nach dem dominanten Auge, nicht nach der gewohnten Schreibhand. Trainiere vor dem Kauf mit Leihbögen beider Händigkeiten, um praktische Sicherheit zu gewinnen.
Für Anfänger ist die Umstellung auf die „andere“ Hand keine Hürde. Die Technik wird ohnehin neu erlernt. Diese 2-4 Wochen Eingewöhnung sind ein vernachlässigbarer Preis für jahrzehntelange Probleme, die sonst auftreten würden. Vermeide den teuersten Anfängerfehler im Bogensport: Den Kauf ohne Kenntnis deiner Augendominanz.







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